Es lebe die Naivität!

Trotz ihrer ungeahnten Aktualität und trotz der Tatsache, dass ganze Zeitschriften, Museen,
Kunstmessen und private Sammlungen sich ihrer Sache widmen, wird die Naive Kunst immer noch als eine typische Nebenerscheinung der Moderne betrachtet. In allgemeinen kunsthistorischen Abhandlungen erhält sie den Stellenwert einer folkloristischen Marginalie, der einen charmanten und frischen, aber auch laienhaften, unseriösen und volkstümlich-kitschigen Charakter anhaftet. Es ist eben die Kunst der Zirkusathleten (Camille Bombois), der Putzfrauen (Séraphine Louis) oder der Zollbeamten (Henri Rousseau). Ähnlich der Kunst aus Ozeanien, Asien oder Afrika, wird sie vor allem an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert für relevant gehalten, als sie – unfreiwillig – die Entwicklungen der europäischen Avantgarden bereicherte. Die angeblich egalitäre und Multi-Kulti-Welle der Postmoderne (die sich übrigens nicht aus dem
Zustand eines frommen Wunsches herausbilden konnte) hat wenig an dieser Tatsache verändert: Immer noch bleibt das Verhältnis der sog. Hochkunst zur sog. Naiven Kunst kolonialistisch geprägt. Es ist das Verhältnis zwischen einer vermeintlich höher entwickelten Kulturform zu einer vermeintlich rückständigen.

Emmanuel Mir